raum(zeit)kleider
2008Eröffnungsrede von Jean-Baptiste Joly, Direktor der Akademie Schloss Solitude, anlässlich der Ausstellungseröffnung Raum(Zeit)Kleider in Stuttgart am 03.April 2008
Mit seinen vielen Schichten von Blätterteig und Créme wird der französische Mille Feuilles gerne als Metapher verwendet, um die Entstehung von Räumen in Architektur und Städtebauplanung verständlich zu machen. Gabi Schilligs „Raumzeitkleider“ sind einfache Mille Feuilles, aus zwei dicken Filzscheiben bestehend, einmal rot und einmal dunkelgrau, die miteinander verbunden sind. Ausgehend von zwei flachen Filzscheiben entwirft Gabi Schillig ein dreidimensionales Objekt, das sich mit Faltungen, Reißverschlüssen und Druckknöpfen leicht verformen lässt. Diese Transformationen, wie Sie sie, meine Damen und Herren auf einem Videofilm sehen können (Anja Bornsek), setzen einen Menschen voraus, der sich auf das Spiel mit diesem Objekt einlässt: Der Körper, der sich das Gewand überzieht, oder der darin einsteigt, bespielt es temporär, verleiht ihm dabei Form und Leben.
Zugleich Kleidungsstück, Tragetasche, Zelt, Versteck und Schutzraum verformt sich das textile Raumobjekt und bietet seinem Nutzer – man könnte ihn ja vielleicht gar Bewohner nennen! – einen privaten Raum zwischen den beiden Außenwänden, zwischen der grauen und der roten Filzhaut.
»Die verformbaren Filzscheiben«, so Gabi Schillig zu ihrer Arbeit, »werden zu einer Art zweiten Haut an unserem Körper, die die Wände unserer eigenen Architektur formiert und so Aussagen über Identität, Sehnsucht und Absicht zum Ausdruck bringt. Einzelne Objekte stehen nicht nur für sich allein, viel mehr sollen sie in der Lage sein, sich mit anderen zu verbinden, um einen neuen Typus von urbanem Gewebe zu definieren, das von seinen Nutzern belebt, bewohnt und getragen wird.«
Das Raumzeitkleid von Gabi Schillig stellt nicht nur grundsätzliche Fragen zur Entstehung von Raum, zu Materialität und Verformbarkeit oder zu Körper und Bewegung. Es zeigt auch wie sich Architektur aus materiellen und funktionalen Zwängen entwickelt und vor allem wie die einfachsten physischen Merkmale von Körpermaß, Materialwiderstand und -dehnbarkeit, Gewicht und Farbkontrast sie eigentlich bestimmen. Die sinnliche Architektur von Gabi Schillig entsteht in einem permanenten Hin- und Her zwischen Skizzieren auf dem Papier und am Computer, zwischen Hypothese und Experiment, zwischen Berechnen und Material erproben, zwischen Modell und Maßstabswechsel. Das eigentliche Tun des Architekten, so Gabi Schillig, ist materiell bedingt und darf sich nicht, wie allzu oft in der Praxis und an Hochschulen behauptet, auf eine Computer generierte Produktion von Raum beschränken, die keine Rücksicht mehr auf die sinnliche und die soziale Körperlichkeit der Architektur nehmen würde.


