offene räume

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introduction /urbane codes - publication berlin university of the arts

The short essay "Offene Räume" (Open Spaces) is part of the publication Urbane Codes, a book on urban spatial interventions in Berlin-Marzahn that were developed by students of the Berlin University of the Arts / Class for Spatial Design.

Urbane Codes / Universität der Künste Berlin

Prof. Gerhard Diel, Gabi Schillig (Hrsg.)
ISBN 978-3-89462-199-5

BOOKS>URBANE CODES

Raumszenarien UdK Berlin
UdK Verlag Berlin
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(German)

Offene Räume by Gabi Schillig
Universität der Künste Berlin, Projektbereich Entwerfen Raumbezogener Systeme

„Now on the face of it nothing seems more ridiculous than undoing a building. Quite the contrary. Undoing is a terribly significant approach for advancing architectural thought in this point in time. Everybody, to some extent, accepts architecture as something to look at, to experience as a static object. Few individuals think about or bother visualizing how to work away from it, to make architecture into something other than a static object.“ Gordon
Matta-Clark, Interview von Judith Russi Kirshner, Chicago, 13. Februar 1978 in Diserens and Casanova - Gordon Matta-Clark

Der amerikanische Architekt und Künstler Gordon Matta-Clark (1943-1978) versteht in seinen Arbeiten die Stadt und ihre gebaute Struktur als Labor. Er schuf ein poetisches, performatives Verständnis von Stadtraum, in dem es oft nicht das Werk war, das im Mittelpunkt stand sondern vielmehr die Rolle, Reaktion oder Interaktion der Beteiligten.

Die temporären, radikalen Interventionen Matta-Clarks erforschten und hinterfragten urbane und gesellschaftliche Lebenswelten. Durch seine Arbeiten, wie etwa Conical Intersect, einer Intervention in Paris im Jahr 1975, überwand Matta-Clark die physische Präsenz der gebauten Struktur indem er Teile aus Decke, Boden und Wänden in konischer Form herausschnitt. Die gebaute Form und das statische Objekt wurden so zwar zerlegt und bis zu einem gewissen Maß aufgelöst, gleichzeitig entstanden aber auch neue Einblicke in deren Komplexität. Gordon Matta-Clarks Interventionen erinnerten daran, dass Raum vor allem durch die Bewegung des eigenen Körpers wahrgenommen wird. Die Manipulation des Materials, die Auflösung der Begrenzung des Raumes und die eigene Aktion eröffneten dem Betrachter eine neue Sichtweise auf die gebaute Umwelt.

Menschen, die sich in einem solchen Raum bewegen, werden zu Akteuren und verwandeln ihn in einen Möglichkeits- und Handlungsraum. Dieser gelebte Raum erzeugt Deutungs-, Nutzungs- und Bewegungspotentiale und thematisiert die Aneignung und Besetzung des Raums durch den Benutzer. Ähnlich formuliert es auch Johan Frederik Hartle in seinem Buch Der geöffnete Raum. Zur Politik der ästhetischen Form:

„Der gelebte Raum der sozialen Praxis, die unendliche Möglichkeit des ‚differenziellen Raumes’ ist ein Handlungsraum, der sich aus den Regelwerken, des historischen Raumparadigmas durch dessen Verschiebung potentiell herauszuwinden in der Lage ist. Er tritt als eine Raum hervor, der sich zum Unbestimmten öffnet, indem er eben jene Grenzlinien verschiebt, die (...) die räumliche Praxis der Architektur wesentlich kennzeichnen. In diesem Sinn lässt sich die Öffnung räumlicher Formen auch als Verschiebung materiell manifestierter sozialer Praxis deuten.“ (Johan Frederik Hartle in "Der geöffnete Raum. Zur Politik der ästhetischen Form - Wilhelm Fink Verlag, 2006)

Natürlich geht es bei Matta-Clark nicht nur rein wörtlich um das Öffnen von Räumen durch die Dekonstruktion von statischen Objekten. Das Potential seiner Arbeiten entfaltet sich vielmehr durch ihre Vergänglichkeit und die experimentelle Auseinandersetzung mit dem Bestehenden. Von Bedeutung ist nicht das Hinzufügen einer weiteren statischen, manifesten Struktur, sondern genau dessen Auflösung bzw. das performative Moment dieser Aktion. Es entsteht etwas Unbestimmtes, Potentielles, Freies, dem Werden Offenes.

Im städtebaulichen Umfeld der Marzahner Promenade überlagern sich Projektionen einer unwirtlichen und gleichgeschalteten Lebensumwelt mit tatsächlichen ökonomischen Konstellationen und sozialen Anpassungsprozessen, die das negative Gesamtbild zu bestätigen scheinen und hohe Hürden bilden, um die Verhältnisse aufzubrechen.

Äußerliche Verschönerungen können hier keinen wirklichen Wandel hervorbringen. Doch neben ihren geschichtlichen Besonderheiten, die sich in einer Vielzahl von Details vor Ort auffinden lassen und eine bewusstere Wahrnehmung anstoßen können, bietet dieser Raum auch Anhaltspunkte für räumliche und soziale Zukunftsszenarien, die in ganz unerwartete Richtungen gehen, unentdeckte Aspekte zutage fördern und aus den scheinbar unverrückbaren Realitäten heraus eine neue, von einer imaginativen Sichtweise geprägte Raumerfahrung und Raumnutzung möglich erscheinen lassen. Einige dieser unsichtbaren Potentiale zu erforschen und sie zum Ausgangspunkt ortsbezogener künstlerisch-gestalterischer Strategien und Methoden zu machen war die Absicht, als Studenten des Projektbereichs Entwerfen Raumbezogener Systeme / Ausstellungsdesign begannen, sich im Rahmen des Entwurfs- und Ausstellungsprojekt Urbane Codes mit dem Stadtraum der Marzahner Promenade auseinanderzusetzen.

Die Ergebnisse waren – erwartungsgemäß – sehr vielfältig. In einigen der entstandenen Arbeiten sieht man sich mit der grundsätzlichen Frage der Funktion von Kunst im Stadtraum konfrontiert oder einer konkreten Kritik an bestehenden und vergangenen Gesellschaftsentwürfen und gesellschaftspolitischen Situationen; andere fungieren unmittelbar als Bruchstelle, oder auch als Bindeglied von Architektur, urbanem und sozialen Raum. Für die meisten der entwickelten Arbeiten wird der Raum der Marzahner Promenade zu einer Projektionsfläche für Ausdruck und später zum Erfahrungsraum: Raum wird gesehen, gehört, gefühlt und erfahren. Relationen und Bezüge dieses speziellen Stadtraums wurden aufgespürt, dargestellt und instrumentalisiert. Die Bandbreite der Projekte bewegt sich so zwischen mit dem Raum interagierenden Systemen, performativen Aktionen und utopischen Konstruktionen, die Impulse geben, den gebauten Raum neu wahrzunehmen, ihn zu stören oder andere Perspektiven auf ihn zu gewinnen.

Die Arbeiten zeigen so einerseits die Marzahner Promenade als einen ungeahnten Raum erstaunlicher räumlicher und ästhetischer Möglichkeiten, setzen sich andererseits aber auch kritisch mit bestehenden Strukturen auseinander. Sie manifestieren sich vor allem als temporäre Rauminstallationen und performative Aktionen, die zu einer aktiven Ausei-nandersetzung auffordern und dazu anregen, über alternative Strategien der Stadtplanung nachzudenken. Die Betonung liegt auf dem Prozesshaften und Ereignishaften, und nicht auf dem gebauten, statischen Objekt

Berlin, April 2011